Auf Pfiff folgt Morddrohung: Gewalt gegen Schiedsrichter nimmt zu

Der Amateurfußball hat mit einem stark zunehmenden Problem zu kämpfen. Die Fälle der verbalen und körperlichen Gewalt gegen Schiedsrichter häufen sich, die Brutalität nimmt zu. Im Fußballbezirk Weser-Ems treten die Unparteiischen nun aus Protest in den Streik – es ist bei Weitem nicht die erste Arbeitsniederlegung dieser Art in Deutschland, doch eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Wenn das Ehrenamt zum Spießrutenlauf wird.

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Es ist die nordwestlichste Ecke Deutschlands in der die Fußballvereine am morgigen Sonntag, den 12. März 2017, ohne vom Verband gestellte Schiedsrichter auskommen müssen. Betroffen sind die sechstklassige Landesliga sowie die fünf siebtklassigen Bezirksligen im Bezirk Weser-Ems, alles zusammen 39 Spiele ohne Referee (inklusive neun bereits abgesagter Begegnungen). Die betreffenden Vereine befinden sich nun im regen Austausch miteinander, denn laut Spielordnung müssen die Begegnungen trotzdem ausgetragen werden. Die Vereine sind bei Ausfall eines Schiedsrichters verpflichtet selbst für ehrenamtlichen Ersatz zu sorgen. In Frage kommt für diesen Job so ziemlich jeder, vom Platzwart über den Jugendtrainer bis hin zum nur zufällig anwesenden Zuschauer. Mit der Bitte um das Bekleiden des Amtes an der Pfeife wird in der Regel jedoch kaum Begeisterung ausgelöst, denn mittlerweile hat sich herumgesprochen was einen dabei erwarten kann: von relativ harmlosen Beleidigungen über Morddrohungen bis hin zu körperlicher Gewalt mit anschließendem Krankenhausaufenthalt erstreckt sich das Spektrum welches den Schiedsrichtermangel immer akuter werden lässt und den Amateurfußball deutschlandweit im Würgegriff hält.

"Sowas wie euch sollte man vergasen!"

Auslöser des Schiedsrichter-Streiks zwischen Osnabrück und Nordseeküste war ein Vorfall welcher sich am 18. September 2016 am 7. Spieltag der Bezirksliga 1 in Firrel (Landkreis Leer) beim Spiel zwischen Grün-Weiß Firrel und der TuRa 07 Westrhauderfehn zugetragen hatte, als ein Zuschauer Schiedsrichter Benedikt Schröder hinterher rief: "Sowas wie euch sollte man vergasen!" Neben einer 0:3-Niederlage setzte es für Grün-Weiß Firrel in der Folge eine vom Bezirkssportgericht verhängte Geldstrafe in Höhe von 400 Euro wegen "diskriminierenden Verhalts seiner Anhänger." Doch das Urteil wurde, nachdem Firrel sämtliche Instanzen durchschritten hatte,  letztendlich vom Oberverbandssportgericht des Niedersächsischen Fußball-Verbandes wieder einkassiert, mit der Begründung dass der Verein "den Vorfall aus unserer Sicht nicht hätte verhindern können." Zwar sei die Aussage durchaus diskriminierend, der Verein selbst jedoch schuldlos. Daraufhin entschied sich der Bezirksschiedsrichterausschuss, zuständig für die Schiedsrichter-Ansetzungen in den betreffenden Spielklassen, zum Streik, denn er sieht die Schutzbedürftigkeit der Schiedsrichter durch dieses Urteil nicht länger gewahrt. Alle für Sonntag bereits festgelegten Ansetzungen wurden rückgängig gemacht, die Schiedsrichter wurden in einem Schreiben gebeten die betreffenden Spiele auch nicht privat zu besuchen. "Wir wollen hier ein eindeutiges Zeichen setzen, dass man mit uns nicht alles machen kann," schreibt hierzu der Ausschussvorsitzende Georg Winter.

Übersicht der betroffenen Spiele
   
Landesliga Weser-Ems
VfR Voxtrup – SV Atlas Delmenhorst
TV Dinklage – SC Melle 03
TuS BW Lohne – SV Bad Bentheim
SV Bad Rothenfelde – TuS Pewsum
SV Bevern – TSV Oldenburg (abgesagt)
SV Holthausen-Biene – VfL Oythe
BSV Kickers Emden – Vorwärts Nordhorn
Han. Friesoythe – VfL Wildeshausen (abges.)
 
Bezirksliga Weser-Ems 1
Eintracht Plaggenburg – FC Norden

TuS Weener – TuS Strudden

VfL Germania Leer – TuS Esens (abgesagt)

SpVgg Aurich – SV Ems Jemgum

TuRa Westrhauderfehn – GW Firrel (abges.)

SV Frisia Loga – Concordia Ihrhove (abges.)

 
Bezirksliga Weser-Ems 2
GVO Oldenburg – Heidmühler FC
VfL Stenum – FC Hude
SV Brake – TuS Obenstrohe
BV Bockhorn – BW Bümmerstede (abgesagt)
TSV Abbehausen – SV Wilhelmshaven
FC Rastede – WSC Frisia Wilhelmshaven
 
Bezirksliga Weser-Ems 3
Weiße Elf Nordhorn – Concordia Emsbüren
TuS Gildehaus – SV Eintracht TV Nordhorn
FC 47 Leschede – SV Union Lohne
SV Meppen 1912 II – ASV Altenlingen
SV Wietmarschen – SC Spelle-Venhaus II
SV Surworld – SV Blau-Weiß Dörpen
 
Bezirksliga Weser-Ems 4
BV Essen – SV Thüle (abgesagt)
SV RW Damme – SV Höltinghausen
SV Altenoythe – TuS Frisia Goldenstedt
BV Garrel – SV Holdorf
GW Brockdorf – SV Emstek (abgesagt)
BV Cloppenburg III – TuS Emstekerfeld
SV Falke Steinfeld – SV GW Mühlen (abges.)
 
Bezirksliga Weser-Ems 5
BW Hollage – SC Lüstringen
SC Türkgücü Osnabrück – TuS Berge
TV 01 Bohmte – SC Rieste
RW Sutthausen – SV Bad Laer
SV BW Merzen – VfL Kloster Oesede
Sportfreunde Lechtingen – TSV Wallenhorst
 
(Stand: 11.03.2017, 14:20 Uhr)

Streik als Protest und Selbstschutz

Das Schiedsrichter als Mittel für Protest und zum reinen Selbstschutz den Streik wählen ist längst kein Ausnahmephänomen mehr. Überregional bekannt wurde beispielsweise der Fall der 59 Unparteiischen in Sachsen-Anhalt welche sich weigerten Spiele des 1. FC Ostelbien Dornburg zu pfeifen. Der Verein, welcher mittlerweile aus dem Landesverband und damit auch aus dem regulären Spielbetrieb ausgeschlossen wurde, ist ein Sammelbecken für Neonazis und Rechtsextreme. Zahlreiche Male kam es zu schweren Zwischenfällen, sodass irgendwann der Punkt erreicht war an dem sich die Schiedsrichter dem Risiko für Leb und Leben nicht mehr aussetzen wollten.

 

In einem anderen Fall kam es im November 2014 in Essen zu einer hässlichen Szene, als einem Schiedsrichter bei einem Freizeitliga-Kick per Faustschlag der Kiefer gebrochen wurde. Einen Monat zuvor brach ebenfalls in Essen ein Referee eine Partie ab nachdem ein Spieler einem auf dem Boden liegenden Gegenspieler gegen den Kopf getreten und den Schiedsrichter massiv bedroht hatte.

 

Dies sind nur einige wenige Vorkommnisse, die beispielhaft das ausufernde Gewaltproblem im deutschen Amateurfußball repräsentieren. Eine ganz andere Sicht vertritt hingegen der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Der veröffentlichte zuletzt im Juli 2016 einen Bericht wonach 99,52 Prozent aller Spiele der Saison 2015/2016 "störungsfrei" verlaufen wären. Über den elektronischen Spielbericht "DFBnet" wurden insgesamt 1.335.219 Begegnungen erfasst, das entspricht etwa 84 Prozent der Gesamtzahl an ausgetragenen Begegnungen. In nur 6.382 Fällen wäre es zu Gewalthandlungen oder Diskriminierungen gekommen, heißt es weiter, also in 0,48 Prozent aller erfassten Spiele (davon 589 Spielabbrüche). Daher ist Dr. Rainer Koch, erster DFB-Vizepräsident und zuständig für den Amateurfußball, der festen Überzeugung dass "es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass wir ein flächendeckendes Gewalt- oder Diskriminierungsproblem im Fußball haben."

 

Vorausgesetzt dass die genannten Zahlen korrekt sind bedeuten 6.382 gemeldete Fälle aber immer noch dass es pro Wochenende rund 120-mal irgendwo auf deutschen Fußballplätzen kracht. Hinzu kommen noch 245.978 Spiele die mangels Bericht gar nicht erfasst wurden. Warum die Schiedsrichter, deren Aufgabe es ist diese Berichte spätestens eine Stunde nach Abpfiff zu verfassen und abzusenden, dies nicht taten kann mehrere Gründe haben: Nachlässigkeit, fehlende technische Ausrüstung – oder sie wurden zuvor bedroht und eingeschüchtert.


"Hängt sie auf, hängt sie auf, die schwarze Sau...!"

Die vom DFB veröffentlichten Zahlen sind also mit Vorsicht zu genießen, um es mal milde auszudrücken. Die entsprechenden Daten werden nur unvollständig erfasst und bieten ein sehr hohes Potenzial für Dunkelziffern. Der DFB-Bericht ist hervorragend dazu geeignet das Gewaltproblem schön zu reden, wovon der DFB auch ausgiebig Gebrauch macht: rund ein Drittel des Berichts preist im besten Werbesprech die DFB-Kampagne "Fair ist mehr" an.

 

Die Schiedsrichter-Gilde leidet deutschlandweit unter akutem Nachwuchsmangel, und angesichts der Situation ist das auch kein Wunder. Sogar in der Hochglanzwelt der Bundesliga ist es eher Regel als Ausnahme wenn eine ganze Fankurve zum aufhängen der "schwarzen Sau" auffordert, Widerstand gegen solch ekelhafte Sprechchöre regt sich quasi gar nicht. Und auf den tausenden Amateurplätzen machen sich ebenfalls erschreckend viele Menschen so gar keine Gedanken darüber ob ihr eigenes Verhalten gegenüber dem Unparteiischen nicht vielleicht doch einen inakzeptablen Arschloch-Faktor erreicht, der oft sogar strafrechtliche Relevanz hat – denn auch Schiedsrichter haben ein Recht darauf nicht beleidigt oder bedroht zu werden und unverletzt nach Hause zu kommen. Dieses Recht wird auf den Fußballplätzen der Republik jedoch täglich missachtet, wobei sich das Unrechtsbewusstsein bei den Tätern meist in sehr engen Grenzen hält. Das liegt vielleicht auch am kaum vorhandenen Medienecho: einzelne und besonders krasse Fälle schaffen es vielleicht in die bundesweite Presse, alle anderen Vorkommnisse versickern jedoch in unbeachteten Fließtextspalten des Lokaljournalismus – sofern überhaupt darüber berichtet wird. Verbände und Vereine stehen diesem Phänomen relativ machtlos gegenüber. Es liegt an jenen die den Sport lieben dafür zu sorgen dass Situationen wir am morgigen Sonntag im Bezirk Weser-Ems nicht zum Alltag werden.


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