Bombenanschlag als Ego-Boost

Eigentlich sollte gestern Abend in Dortmund Fußball gespielt werden. Doch dann explodierten drei Bomben, das Spiel wurde verständlicherweise abgesagt. Während die Polizei ihre Ermittlungen aufnahm wussten andere Leute das dramatische Ereignis für ihre ganz eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

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Was ist passiert?

Die gestrigen Ereignisse, soweit bekannt, kurz zusammengefasst: die Mannschaft von Borussia Dortmund sollte gestern Abend ab 20:45 Uhr im Rahmen des Viertelfinales der UEFA Champions League im Dortmunder Westfalenstadion gegen den AS Monaco antreten. Kurz nachdem der voll besetzte Teambus des BVB das etwa zehn Kilometer vom Stadion entfernte Mannschaftshotel verlassen hatte explodierten gegen 19:15 Uhr am Fahrbahnrand drei versteckte Sprengsätze, dabei wurde der Dortmunder Defensivspieler Marc Bartra Aregall sowie ein Polizeibeamter verletzt. Das Spiel gegen Monaco wurde daraufhin abgesagt und auf den heutigen Mittwoch verlegt. Noch am gestrigen Abend konnte am Tatort ein Bekennerschreiben aufgefunden werden, zum Inhalt machte die Polizei bisher keine offiziellen Angaben.


Clickbait fressen Berufsehre auf

"Die Welt"-Tweet von 22:07 Uhr (Screenshot: Volker Dohr).
"Die Welt"-Tweet von 22:07 Uhr (Screenshot: Volker Dohr).

Die Clickbait-Orgien, die nach dem Anschlag vor allen von Medien aus dem Hause Axel Springer zelebriert wurden, begannen bereits kurz nach dem Anschlag. Die Polizei Dortmund bat in einem Tweet um 19:52 Uhr eindringlich darum das Verbreiten von Gerüchten und Spekulationen zu unterlassen, doch die Genies der BILD-Zeitung interessierte das herzlich wenig. Sie verbreiteten einen (vom BILDblog zurecht scharf kritisierten) Artikel der vor Spekulationen und dramatischen Täter-Ratespielchen nur so strotzte. Abgesehen davon lieferte der Artikel absolut keine Informationen oder handfesten Inhalte, er diente offensichtlich nur dem Generieren von Klicks.

 

Doch nicht nur die BILD setzte an jenem Abend schamloses Clickbaiting ein, auch "Die Welt" (ebenfalls im Verlagshaus Axel Springer beheimatet) schloss sich dieser Taktik an. Um 22:07 Uhr, zu einem Zeitpunkt also als über Täter oder Tathintergründe noch absolut nichts bekannt war, veröffentlichte die Welt-Redaktion einen Tweet (siehe Screenshot) der suggerierte dass man genau diese Informationen durch einen Klick auf den entsprechenden Artikel bekommen könnte – was natürlich nicht der Fall war.

 

Solche Aktionen machen mich etwas fassungslos. Clickbaiting ist in der Regel "nur" nervig, aber wenn es auf dem Rücken von verletzten und sich in Lebensgefahr befindenden Menschen ausgeübt wird kann ich meinen Ekel und meine Abscheu gegenüber den Akteuren wirklich nicht mehr unterdrücken. An Journalisten werden in Deutschland relativ hohe Bildungsansprüche gestellt, ohne akademischen Hintergrund hat man kaum eine Chance in diesem Bereich zu arbeiten, völlig egal wie gut man schreiben kann. Eine Grundausbildung in Ethik und Moral ist, zumindest bei Axel Springer, offensichtlich kein Einstellungskriterium – und Berufsehre anscheinend auch nicht.


Selbstinszenierung per Ego-Booster Instagram

Doch nicht nur Berufs-Clickbaiter leisteten sich an jenem Abend den einen oder anderen Griff ins Klo. Sky-Moderatorin Esther Sedlaczek hielt es beispielsweise für eine tolle Idee kurz nach dem Anschlag ein Foto auf Instagram zu veröffentlichen, dass oberflächlich betrachtet wohl ihre Betroffenheit zum Ausruck bringen sollte, in Wahrheit jedoch schamlose Selbstinszenierung war. "Ich versuche die ganze Zeit die richtigen Worte zu finden", kommentierte sie selbst die Aufnahme. Offensichtlich war es jedoch kein Problem einen richtigen Fotografen, eine richtige Pose und einen richtigen Hintergrund zu finden. Kritische Kommentare gab es unter dem Beitrag auch, allerdings waren diese deutlich in der Unterzahl. Mehr als 7.100 Instagram-User markierten den Beitrag sogar mit "Gefällt mir". Sehr treffend wurde die Aktion von @koerperkirmes auf Twitter zusammengefasst: "Ich bin so unfassbar geschockt, ich muss erstmal ein nachdenkliches Bild auf Instagram posten". Falls Frau Sedlaczeks Betroffenheit hier nicht geschauspielert sein sollte, so hat sie ihrer Glaubwürdigkeit mit dieser offensichtlich gestellten Aufnahme und Selbstinszenierung einen Bärendienst erwiesen. Es drängt sich der Verdacht auf dass hier Emotionen zur (finanziell) kalkulierten Reichweitensteigerung instrumentalisiert wurden, ebenfalls auf dem Rücken der Anschlagsopfer. Ein Musterbeispiel für die verachtenswerte Seite von Social Media.


Lichtblick #BedForAwayFans

Doch noch am selben Abend zeigte sich auch welche positiven Effekte soziale Netzwerke haben können. Unter dem Hashtag #BedForAwayFans boten Dortmunder den Fans des AS Monaco schnell und unkompliziert private Schlafplätze an. Besonders stach dabei der Tweet des Users @Vespafoto heraus, der ihn mit seinen monegassischen Gästen zeigte und über 13.000-mal retweetet wurde. Auch der BVB selbst machte auf die Aktion aufmerksam und bedankte sich für die Unterstützung.

 

Viele deutsche Vereine und deren Anhänger erklärten ihre Solidarität mit dem BVB und sendeten Genesungswünsche an den verletzten Spieler Marc Bartra, von Werder Bremen über den FC Bayern und sogar dem Erzrivalen FC Schalke 04 bis hin zum 1. FC Lokomotive Leipzig, Ex-Schalke-Trainer Peter Neururer und dem isländischen Fußballverband, um nur einige Beispiele zu nennen.


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