Endstation Fußballstrich

Der Fußball wird immer stärker für den Marketing-Gott prostituiert. Die UEFA erlaubt Red Bull zwei Teams in die Champions League zu schicken. Die Regionalliga Südwest wird mit einem chinesischen Team vergrößert. Die FIFA jongliert mit Regeländerungen die für Amateurvereine kaum umsetzbar sind. Die wirren Ideen der Verbände scheinen keine Grenzen zu kennen. Zeit für einen Aufstand.

Diesen Beitrag teilen:



Meine Haltung, Fußball oberhalb der Regionalliga nicht mehr ernst zu nehmen, wurde kürzlich von der UEFA höchstpersönlich bestätigt. Der Europäische Fußballverband gab sowohl den RedBull-Filialen in Leipzig als auch in Salzburg grünes Licht für den Start in die Champions League. Die Entscheidung wurde damit begründet dass die beiden Retortenklubs mittlerweile "komplett entflochten" wären, wie es die Geschäftsführung von RB Leipzig ausdrückte. Ein Verstoß gegen Artikel 5 des Wettbewerbsreglements ("Integrität des Wettbewerbs") läge somit nicht vor, "keine natürliche oder juristische Person" würde mehr Einfluss auf mehr als einen RedBull-Klub ausüben. Das hat mit der Realität natürlich nicht viel zu tun, wie beispielsweise Recherchen des österreichischen Fußballmagazins "Ballesterer" deutlich zeigen (siehe Grafik unten). Da werden munter Dutzende Spieler zwischen den RB-Standorten in Leipzig, Salzburg, New York, Brasilien, Ghana und Liefering verschoben, zudem macht sich "Stallorder"-Geruch breit. Es kann schließlich nur eine Mannschaft die Champions League gewinnen und wenn es zur Härtefallentscheidung kommen würde, so würde Mateschitz sicher veranlassen dass das Team mit dem größeren Marketing-Potenzial den Vorzug bekommt. Mit einem sportlichen Wettbewerb hat die Entscheidung jedenfalls rein gar nichts zu tun, hier wird ein ehemals seriöser kontinentaler Fußball-Wettbewerb für den Marketingzwecke eines Großkonzerns prostituiert - und die UEFA beweist dass ihr "Wettbewerbsreglement" das Papier nicht wert ist auf dem es gedruckt wurde, sobald nur genug Kohle fließt.

Infografik über die RedBull-Internen Spielertransfers. (Quelle: twitter.com/ballesterer_fm)
Infografik über die RedBull-Internen Spielertransfers. (Quelle: twitter.com/ballesterer_fm)

Wer nun aber geglaubt hat dass sich die Schnapsideen der Marketing-Genies nur auf die ohnehin bis ins Mark durchkommerzialisierte Welt des europäischen Spitzenfußballs beschränken würden, der hat sich getäuscht. Denn wie vergangene Nacht (!) bekannt wurde plant der DFB nun eine Aufstockung der viertklassigen Regionalliga Südwest von 19 auf 20 Mannschaften. Der zusätzliche Startplatz wird aber nicht an den punktbesten der sechs (!) regulären Absteiger (FK 03 Pirmasens) oder an den Zweiten der Aufstiegsrunde (FSV 08 Bissingen) vergeben, sondern stattdessen an ein Team aus China (voraussichtlich die U20-Nationalmannschaft), welches in 38 Auswärtsbegegnungen Pflichtfreundschaftsspiele außer Konkurrenz bestreiten soll. Den regulären Regionalligisten soll das an ihren spielfreien Wochenenden zusätzliche Einnahmen bescheren. Mich persönlich verwundert es sehr dass die 19 Mannschaften bisher ausschließlich Zustimmung signalisiert haben, woran die 15.000 Euro für jedes der beiden Spiele gegen die Chinesen, die an jeden Verein zusätzlich ausgezahlt werden, wohl nicht ganz unschuldig sind. Christopher Fiori, Geschäftsführer des Offenbacher FC Kickers, bringt die wahre Motivation hinter diesen Plänen auf den Punkt: "Ich sehe bei einem Spiel gegen eine chinesische Mannschaft gute Vermarktungsmöglichkeiten," sagte er. Sportlich machen diese Pläne nur wenig Sinn und gegenüber den FK Pirmasens oder dem FSV Bissingen sind sie streng genommen ein Schlag ins Gesicht: da müssen zum Ende der Saison 2016/2017 ganze sechs (!) Teams absteigen, dann will man doch ein 20. Team in der Liga haben - aber dann wird eine chinesische Marketingtruppe den Mannschaften aus dem regulären Spielbetrieb vorgezogen. Grobes Foul, rote Karte.


Das die großen Verbände immer mehr den Kontakt zur Basis verlieren zeigt sich auch an den Regeländerungen, an denen FIFA und IFAB zur Zeit herumschrauben. Die Einführung einer "Netto"-Spielzeit von zweimal 30 Minuten erscheint auf den ersten Blick durchaus sinnvoll, wird dadurch doch dem lästigen Zeitspiel ein Riegel vorgeschoben. Was dabei jedoch nicht bedacht wurde: wie soll diese Regeländerungen im Amateurfußball umgesetzt werden? Beim Großteil der Amateurspiele ist jeweils nur ein einziger Schiedsrichter anwesend, der mit seinen Aufgaben während des Spiels bereits jetzt komplett ausgelastet ist. Für das Spielzeit-Management wäre ein zusätzlicher Referee nötig, was im Profifußball auch kein Problem darstellt, schließlich reisen die Unparteiischen hier bereits jetzt schon in Mannschaftsstärke an. Doch in den Amateurklassen sieht das völlig anders aus, hier herrscht ein immer akuter werdender Nachwuchsmangel bei den Referees. Da hilft es auch wenig dass die FIFA und der IFAB über Punkt- oder Torabzug bei Schiedsrichterbeleidigung als eine weitere Regeländerung nachdenkt, denn das wird die Nachwuchskrise auch nicht beheben und erhöht stattdessen den Druck auf die aktiven Unparteiischen umso mehr.


Die Instrumentalisierung des Fußballsports zu Marketing- und Profitmaximierungszwecken hat mittlerweile ein für viele Sportfreunde (mich eingeschlossen) untragbares Niveau erreicht. Ich finde, es ist Zeit für einen Aufstand. Und nein, damit meine ich ausdrücklich nicht Pyro-Aktionen in den Kurven oder martialische Aufmärsche und "Kriegserklärungen", denn die verpuffen vollkommen wirkungslos und sorgen durch die dadurch folgenden Sanktionen nur dafür dass Fußballfans noch schneller durch Eventkonsumenten ersetzt werden. Was stattdessen wirklich Wirkung hätte wäre das Kommerzmonster von seiner Lebensader abzuschneiden: dem Geld. Denn nur weil viele Tausend Menschen Woche für Woche ihr Geld dem Monster freiwillig zum Fraß vorwerfen funktioniert es. Daher hier meine Tipps wie man den Fußball dem Marketinggott wieder entreißen kann:

  • geht nicht mehr ins Stadion und kauft keine Fanartikel;
  • lasst die Glotze aus wenn Fußball im TV läuft;
  • unterstützt mit den Geldmengen die ihr so spart Euren Amateurverein um die Ecke;
  • engagiert Euch ehrenamtlich beim Verein - lebt Fußball als ihn nur zu konsumieren.

Wenn nur genug Leute mitmachen sehen FIFA, DFB, RedBull & Co schnell ein dass es so auf keinen Fall weitergehen kann.


Update: Es regt sich Widerstand innerhalb der Regionalliga Südwest gegen die Einbeziehung der chinesischen U20-Nationalmannschaft. Der SV Waldhof Mannheim veröffentlichte am 23. Juni auf seiner Facebook-Seite ein Statement in dem der Verein ankündigte gegen das chinesische Team nicht antreten zu wollen, stattdessen biete man dem FK 03 Pirmasens ein Freundschaftsspiel an.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0