Die Wut auf dem Platz

Fußball lebt von Emotionen. Doch gerade im Amateurfußball kommt es nicht selten vor dass diese Emotionen außer Kontrolle geraten, Rudelbildungen gehören da noch zu den harmlosen Resultaten. Was bringt erwachsende Menschen dazu auf dem Fußballplatz  Hemmungen und Verstand fallen zu lassen?


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Der falsche Spruch zur falschen Zeit

Amateurfußball in Bremen (Symbolbild, hat nichts mit dem Text zu tun), hier das Stadion am Panzenberg.
Amateurfußball in Bremen (Symbolbild, hat nichts mit dem Text zu tun), hier das Stadion am Panzenberg.

Ich habe schon viele Amateur-Fußballspiele gesehen, sogar sehr viele. Von der viertklassigen Regionalliga bis zur 3. Kreisklasse (hier in Bremen die 13. Liga, tiefer geht's nicht mehr) war so ziemlich alles dabei - und das waren nur die Herren-Spiele. Dazu kommen noch ebenso unzählige Spiele im Frauen- und Juniorenbereich. Dabei erlebe ich fast jedesmal ein Phänomen für das ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen kann und dass mir ehrlich gesagt extrem auf die Nerven geht: wenn irgendeinem der beteiligten Protagonisten "die Sicherung durchbrennt", wie man so schön sagt. Das passiert extrem oft, nicht selten sogar mehrmals während ein- und desselben Spiels. Die Auslöser sind oft marginal, ja fast schon lächerlich unbedeutend, können gleichzeitig aber auch äußerst vielfältig sein: eine Schiedsrichter-Entscheidung, ein Spruch, ein Blick, ein Allerweltsfoul, sogar die Art und Weise wie jemand geht können großes Geschrei, Rudelbildungen, ja sogar handfeste Schlägereien, Spielabbrüche und im Extremfall Polizeieinsätze zur Folge haben.

 

Ich bin kein sehr emotionaler Mensch, auch eine laute Stimme ist meine Sache nicht. Vermutlich fällt es mir gerade deshalb so schwer zu begreifen wie erwachsende Menschen, ausgestattet mit Erziehung, Lebenserfahrung und einem voll funktionsfähigen Gehirn, derart aus der Haut fahren können wegen völliger Nichtigkeiten - und warum das gerade auf Fußballplätzen so häufig, eigentlich schon fast regelmäßig, vorkommt.

 

In den Hochglanz-Arenen des Profifußballs geht es sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen beileibe nicht so irrational zu. Kein Wunder, denn so ein Bundesliga-Stadion ist heutzutage ja auch vollgestopft mit Kameras, Sicherheitskräften und Polizeieinheiten in Armeestärke. Wer sich da daneben benimmt ist sofort im Fokus von Justiz und Öffentlichkeit, entsprechend hoch ist dann wohl die Hemmschwelle seiner Wut einfach mal freien Lauf zu lassen.

 

Unterhalb der Regionalliga sehen die Verhältnisse jedoch völlig anders aus. In der Bremen-Liga beispielsweise ist der gastgebende Verein dazu verpflichtet mindestens zwei "Ordner" zu stellen. Die Anführungszeichen zeigen es schon: diese "Ordner" sind in der Regel nur zwei x-beliebige Menschen die zwar Warnwesten tragen, sich um das sonstige Geschehen aber oft kaum kümmern. Es sind normale Zuschauer, die Fußball gucken, aber nur in den allerseltensten Fällen etwas "ordnen". Eine Beobachtung durch eine kontrollierende Instanz findet also nur auf dem Papier statt: der Schiedsrichter sieht zwei Menschen mit Warnwesten und schreibt im elektronischen Spielbericht "Ordner i.O.". Das war's, eine reine Sinekure.

 

Fußball lebt zu einem sehr großen Teil von Emotionen, das ist völlig unbestritten. Allerdings darf diese gern aus der Schublade gekramte Phrase auch nicht als Freifahrtschein für Ausraster missbraucht werden, denn für seine Emotionen ist jeder selbst verantwortlich, inklusive der Art und Weise wie man sie auslebt bzw. ihnen Ausruck verleiht. Wenn man den Schiedsrichter bei jeder seiner Entscheidungen die einem gerade nicht in den Kram passt angeht, ihn bei jeder strittigen Szene schneller anbrüllt als der arme Mann die Pfeife zum Mund führen kann, ihn bepöbelt oder gar bedroht, dann darf man sich nicht darüber wundern wenn immer weniger Menschen Lust dazu haben sich mit einer Pfeife auf den Platz zu stellen und die Verbände zurecht immer lauter über Schiedsrichter-Mangel klagen. Keine noch so schlechte Schiedsrichter-Leistung ist eine Rechtfertigung für so ein Verhalten. Ich weiß ein wenig wovon ich hier rede, denn vor vielen Jahren war ich selbst als Schiedsrichter aktiv - und eher würde ich einen kompletten Fußballplatz mit einer Nagelschere mähen als diesen Job noch einmal zu machen. Dafür sind mir meine Nerven und meine körperliche Unversehrtheit zu wertvoll.

 

Doch nicht nur im Bezug auf den Schiedsrichter gibt es häufig Stress. Wie oft habe ich es schon erlebt dass sich Spieler untereinander wegen Allerweltfouls oder eines dummen Spruchs plötzlich gegenseitig mit Fäusten bearbeiten. Klar ist man auf dem Platz bis an die Oberkante Unterkiefer voll mit Testosteron und Adrenalin, aber das Gehirn sollte trotzdem weiter funktionstüchtig sein. Der Ablauf einer solchen Szene ist fast immer identisch: zwei kriegen sich in die Wolle, wie von einem Magneten gezogen rennen alle anderen Spieler auch noch dazu, die klassische Rudelbildung also (eigentlich ein irreführender Begriff, denn im Tierreich arbeiten die Mitglieder eines Rudels zusammen und nicht gegeneinander) und gießen so unnötigerweise auch noch zusätzlich Öl ins Feuer. Wenn sich dann auch noch bei Trainern, Betreuern und/oder Zuschauern der gesunde Menschenverstand ebenfalls verabschiedet ist das Chaos komplett - und am Ende wird vom Schiedsrichter, der oft alleine oder extrem in Unterzahl ist, erwartet dass er wieder Ordnung in die Sache bringt. Diese Erwartungshaltung an den Unparteiischen finde ich nicht nur grotesk und realitätsfremd, sondern schlicht unverschämt: sich selbst daneben benehmen und die Verantwortung am Ende auf denjenigen abwälzen der am wenigsten dafür kann.

 

Ich würde mir wünschen dass deutlich mehr Besonnenheit auf den Fußballplätzen einkehrt. Den Trainern, Betreuern, Spielern und auch dem einen oder anderen Zuschauer würde ich außerdem empfehlen mal einen Schiedsrichter-Kurs zu besuchen und am besten selbst ein paar Spiele zu pfeifen. Viele haben eine dicke Portion Regelkunde dringend nötig. Was aber viel wichtiger wäre: öfter mal inne halten und tief Luft holen, bevor man sich zu Sprüchen oder dummen Aktionen hinreißen lässt. Anders ausgedrückt: einfach öfter mal schlicht die Klappe halten. Viel öfter. Dann werden auch viel mehr Spiele ohne Geschrei, Rudelbildungen, Diskussionen oder schlimmeres über die Bühne gehen.

 

Ein Gutes hat die Sache allerdings, falls man das so sehen mag. Dieses Phänomen zeigt nämlich sehr eindrucksvoll dass wir Menschen in dieser Beziehung alle gleich sind. Meine Beobachtungen und Erlebnisse haben mir unzweifelhaft und eindeutig gezeigt dass es völlig egal ist ob ein Mensch aus Deutschland, aus Afrika, den arabischen Raum oder sonst woher kommt: niemand ist davor gefeit sich zum Horst zu machen - dies nur als Hinweis an all die Dampfplauderer die ein Verhalten wie oben beschrieben bevorzugt Menschen mit Migrationshintergrund zuschreiben. Mit so einer pauschalen Verurteilung kann man kaum weiter von der Realität entfernt sein. Ausnahmslos alle haben Potenzial auszurasten.


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