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Das Finale der Schande

Das diesjährige Endspiel der UEFA Europa League ist aus vielen Gründen boykottierenswert. Die ungünstige Lage der Stadt Baku ist dabei noch einer der harmloseren Aspekte.


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Die Spielpaarung Arsenal Football Club gegen Chelsea Football Club gehört sicherlich zu den attraktivsten die der europäische Fußball zu bieten hat. Wenn das Ganze dann auch noch im Europapokal stattfindet bekommt die Partie nochmal eine extra Portion Pfeffer, das war auch schon bei den stadtinternen Duellen von Madrid oder Mailand der Fall. Perfekte Zutaten für einen ebenso perfekten Fußballabend, könnte man meinen.

Doch dieses Mal müffelt es im Zutatenschrank. Denn der ungünstige Zufall will es dass Arsenal und Chelsea, deren Heimstadien gerade mal 13 Kilometer voneinander entfernt liegen, im knapp 4.000 Kilometer von London entfernten Baku gegeneinander antreten müssen. Zugegeben, als die UEFA das Finale 2019 der Europa League am 20. September 2017 an die Hauptstadt von Aserbaidschan vergab und damit den Grundstein setzte für das östlichste Europapokal-Endspiel aller Zeiten, konnte sie nicht ahnen dass sich ausgerechnet zwei Klubs aus London für dieses Endspiel qualifizieren würden.

Der Verdacht liegt allerdings nahe dass diese Entscheidung ebenso getroffen worden wäre wenn sie es geahnt hätte. In der gesamten Geschichte des Europapokals mit seinen insgesamt 149 bisher ausgetragenen Finals kam es erst ein einziges Mal vor dass sich eine Mannschaft aus dieser Region der Welt bis in ein Endspiel vorgekämpft hat: 1981 erreichte Dynamo Tiflis aus Aserbaidschans Nachbarland Georgien das Finale des Europapokals der Pokalsieger und gewann damals in Düsseldorf mit 2:1 gegen den FC Carl Zeiss Jena. Abgesehen von diesem einzigen Ausreißer fiel der Kaukasus nie dadurch auf nach irgendeiner Fußballkrone zu greifen. Warum also vergibt man ein Europapokalfinale an einen Standort von dem man von vornherein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß dass die teilnehmenden Mannschaften (und ihre Fans!) quasi unzumutbare Reisestrapazen auf sich nehmen müssen? Vermutlich weil's der UEFA schlicht wurscht ist, denn der Fan im Stadion ist für den Verband nur konsumierende Dekoration. Wichtig ist nur das Fernsehen.

 

Wie absurd die Reisesituation vor allem für die aus London anreisenden Fans ist verdeutlicht dies: gibt man bei Google Maps die Route von London nach Baku ein, so erfährt man dass die Distanz mit dem Auto 4.610 Kilometer beträgt und man dafür 57 Stunden fahren muss. Das gilt allerdings nur für die kürzeste Route, die man aber nicht nehmen kann. Denn wer so lebensmüde ist und sich an diesen Wegvorschlag hält landet mitten im Kriegsgebiet der Ost-Ukraine. Die alternative Strecke führt durch die Türkei und ist 642 Kilometer länger.

Natürlich wären nur sehr wenige Menschen so bekloppt diesen Trip mit dem Pkw absolvieren zu wollen (zumal man nach dem Finale ja auch noch zurück muss), weshalb die meisten die Strecke wohl mit dem Flugzeug zurücklegen werden. Luftlinie liegen London und Baku etwas weniger als 4.000 Kilometer voneinander entfernt, wofür ein Flugzeug one way rund fünfeinhalb Stunden braucht. Ein Flugticket ist ab 435 Euro zu haben, ohne Rückflug versteht sich. Dagegen ist der Preis für das Stadionticket noch ziemlich günstig, nämlich je nach Kategorie zwischen 30 und 140 Euro. Aber selbst wenn einem das Geld egal ist würde ich es mir zweimal überlegen diesen Flug anzutreten, denn auch diese Route führt über das Kriegsgebiet in der Ost-Ukraine. Dort ist schon einmal ein ziviles Flugzeug abgeschossen worden (Flug MH17 am 17. Juli 2014), wer sich also traut die gleiche Strecke zu fliegen ist bedeutend mutiger als ich.

 

Der Reiseaufwand für die beteiligten Klubs und ihre Anhänger ist also enorm und aus meiner Sicht völlig unverhältnismäßig. Beide Klubs bekamen für ihren freien Verkauf übrigens je 6.000 Tickets von der UEFA zur Verfügung gestellt, also zusammen 12.000 Fans aus London. Das Stadion fasst fast jedoch 70.000 Menschen. Auch an dieser Zahl sieht man wie viel Wert die UEFA dem Fan im Stadion beimisst. Weil die Nachfrage aufgrund der problematischen Anreise so schwach war wurden übrigens bereits rund die Hälfte der Tickets aus London wieder zurückgeschickt, was viele leere Plätze vermuten lässt.

Der Fall Mkhitaryan

Doch auch abseits der ungünstigen Anreisebedingungen hat dieses Finale mehrere unschöne Aspekte. Dies zeigt zum Beispiel der Fall des Arsenal-Spielers Henrikh Mkhitaryan. Er war in dieser Saison eine wichtige Stütze bei Arsenal, spielte 25 von insgesamt 38 möglichen Partien, dabei war er an 13 Prozent aller Arsenal-Tore direkt als Torschütze oder Vorlagengeber beteiligt. Doch Mkhitaryan wird in Baku nicht dabei sein. Der Grund: der offensive Mittelfeldspieler, der von 2013 bis 2016 auch für Borussia Dortmund aktiv war, ist Armenier. Damit kommt er aus einem Land mit dem Aserbaidschan im sogenannten "Bergkarabachkonflikt" im Streit liegt, der zuletzt im Jahr 2017 auch militärisch ausgetragen wurde. Mkhitaryan und Arsenal FC hatten von der UEFA und auch von der aserbaidschanischen Regierung Sicherheitsgarantien für Mkhitaryan erhalten, die gingen Klub und Spieler aber nicht weit genug. So entschloss sich Mkhitaryan in Absprache mit seiner Familie die Reise nach Baku nicht anzutreten. Ein Skandal, meint auch der deutsche Arsenal-Torwart Bernd Leno: "Das ist kein gutes Zeichen für den Fußball." Auch hier stellt sich die Frage: wenn Baku nicht die gesamte europäische Fußball-Familie willkommen heißen kann oder will, warum darf dann dort ein Finale stattfinden?

Auf Twitter ist übrigens zu sehen wie Arsenal-Fans in Baku von der Polizei angehalten werden, nur weil sie ein Mkhitaryan-Trikot tragen.

Finale für eine Diktatur

Die Wahl Aserbaidschans als Finalspielort macht dieses Endspiel automatisch politisch, ob man will oder nicht. Die autoritäre Regierung von Premierminister Novruz Məmmədov kann ohne Übertreibung als Diktatur bezeichnet werden, mit Menschenrechtsverletzungen, massiven Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Repressalien gegenüber Homosexuellen, Unterdrückung der politischen Opposition, Korruption, Wahlmanipulationen und vielem mehr. Die UEFA muss sich die Frage gefallen lassen warum ein solch menschenfeindliches autoritäres Regime mit einem Euopapokalfinale "belohnt" wird und ob der Verdacht berechtigt ist dass sich die Regierung in Baku dieses Finale ordentlich hat was kosten lassen.

Boykott!

Das Europa League-Finale in Baku ist eine weitere der immer zahlreicher werdenden Ekelhaftigkeiten des modernen Profifußballs (Stichwort: #FootballLeaks). Und wie bei allen anderen Dingen auch gibt es wohl nur ein einziges Mittel um solche Auswüchse in Zukunft zu verhindern: es darf sich für die UEFA finanziell nicht mehr lohnen. Das bedeutet: radikaler und vollständiger Boykott. Nicht hingehen. Fernseher aus lassen. Absolut nichts tun, was der UEFA oder dem Regime in Baku Einnahmen bringen könnte. Denn so lange die Euros fröhlich weiter sprudeln hat die UEFA keinen Grund etwas an ihrem Verhalten zu ändern.

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