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Das Bürokraten-Turnier

Die Europameisterschaft 2020 sollte ein besonderes Turnier werden. Doch was die UEFA stattdessen anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens erschuf ist ein bürokratisches Monstrum.


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Der Murks begann in Frankreich

Es gab einmal eine Zeit, in der die Fußball-Europameisterschaft ein wunderbar einfaches Turnier war. Sowohl die Qualifikation als auch die Endrunde selbst waren dank ihrer Einfachheit auch für Fußballlaien leicht verständlich. Standen die Endrundenteilnehmer und ihre Gruppeneinteilungen einmal fest war es noch vor dem Eröffnungsspiel problemlos möglich alle Spiele und alle möglichen Gegner einer Mannschaft bis zum Finale nachzuvollziehen.

 

Doch dann kam die EURO 2016 in Frankreich und mit ihr die Umkrempelung des bisherigen Spielmodus. Das Teilnehmerfeld wurde von 16 auf 24 Mannschaften aufgebläht, wodurch von nun an fast die Hälfte aller 55 UEFA-Mitgliedsverbände dabei waren. Anstelle der vier Endrundengruppen waren es von nun an sechs. Für eine daran anschließende KO-Phase ist das keine gute Zahl, was sich auch an der bürokratischen Kompliziertheit widerspiegelt mit der sich die Teams für das Achtelfinale qualifizierten.

 

Neben den Gruppensiegern und -zweiten durften jetzt auch vier der sechs Gruppendritten eine Runde weiter vorrücken. Zur Ermittlung der vier besten Gruppendritten ist eine Extra-Tabelle nötig, doch weiß man dadurch auch immer noch nicht welcher Gruppendritte welchen Achtelfinalplatz einnehmen wird. Dazu braucht es noch die Tabelle "Einordnung der Gruppendritten in das Achtelfinale": abhängig davon aus welchen Gruppen sich drittplatzierte Mannschaften für die KO-Phase qualifizieren, also aus welchen der sechs Gruppen die vier besten Dritten kommen, zeigt diese Tabelle welcher Dritte welchen Platz im Achtelfinale einnimmt. Insgesamt gibt es da 15 Möglichkeiten, welche davon zutrifft weiß man erst sicher wenn alle Gruppenspiele über die Bühne gegangen sind.

 

Diese Verfahrensweise ist ermüdend, mühselig und ziemlich viel Drive aus der ganzen Sache. Mannschaften und Fans müssen lange warten bis sie endlich wissen wann, wo und gegen wen das nächste Spiel ansteht, für Ticket kaufende Fans wird das Ganze so auch noch zu einem Lotteriespiel. Die Folge: der gesamte Wettbewerb büßt massiv an Attraktivität ein.

Nations League und Playoff-Wege

Als hätte das Turnier durch den in Frankreich erstmals praktizierten Murks nicht schon den Charme einer Steuererklärung bekommen wurde der Wettbewerb zur Folgeausgabe 2020 noch weiter verkompliziert. Die neue "Nations League" ging an den Start, ein Turnier der für den DFB alles andere als vergnügungssteuerpflichtig wurde. Die Löw-Truppe holte nur zwei Punkte aus vier Spielen und hätte daraufhin in die "Liga B" absteigen müssen - wenn die UEFA am 24. September 2019 nicht beschlossen hätte die "Liga A" und "Liga B" aufzustocken, wordurch dem Weltmeister von 2014 die Schmach des Abstiegs erspart blieb. Der Grund der Aufstockung ist rein wirtschaftlicher Natur: durch die Vergrößerung der Ligen bestreiten die betreffenden Mannschaften nun sechs statt bisher vier Spiele, was den jeweiligen Verbänden höhere Einnahmen durch die Vermarktung der Spiele bescheren soll. Das diese Entscheidung rein finanzielle Gründe hat ist wenig überraschend, denn aus den selben Motiven heraus war ja auch schon das Teilnehmerfeld der EM-Endrunde von 16 auf 24 Teams vergrößert worden. Hieran sieht man mal wieder wunderbar dass nicht der sportliche Wettbewerb im Vordergrund steht, sondern einzig und allein der Profit.

 

Die Nations League übernahm auch einen Teil der EM-Qualifikation. Aus jeder der vier Ligen sollten die jeweiligen vier Gruppensieger untereinander einen EM-Teilnehmer ausspielen - es sei denn der ist bereits über die reguläre EM-Qualifikation bei der Endrunde dabei. In diesem Fall würde das nächstplatzierte Team nachrücken. Haben sich aber bereits alle Teams einer Nations League-Gruppe für die EM qualifiziert wird es kompliziert, wie dann die Playoff-Teilnehmer festgelegt wurden ist für Laien und auch für den "normalen" Fan kaum zu verstehen. Aus welchen Gründen auch immer haben sich nun folgende Mannschaften für die Playoff-Spiele qualifiziert:

Weg A: Island (Dritter A2), Bulgarien (Zweiter C3), Ungarn (Zweiter C2) und Rumänien (Zweiter C4).

Weg B: Bosnien & Herzegowina (Erster B3), Slowakei (Dritter B1), Irland (Dritter B4) und Nordirland (Dritter B3).

Weg C: Schottland (Erster C1), Norwegen (Erster C3), Serbien (Erster C4) und Israel (Zweiter C1).

Weg D: Georgien (Erster D1), Nordmazedonien (Erster D4), Kosovo (Erster D3) und Weißrussland (Erster D1).

Auslosung mit Lücken

Am 30. November wurden nun die teilnehmenden Mannschaften in die sechs Endrundengruppen gelost, wobei es dabei aus zweierlei Gründen nur recht wenig zu "losen" gab. Denn zum Einen war klar dass sich eines der Gastgeberländer, sofern es sich qualifizieren sollte, in die Gruppe gesetzt wird in der auch in diesem Land gespielt wird. So kam es beispielsweise dass bereits vor der Auslosung klar war dass Dänemark und Russland in der Gruppe B aufeinander treffen würden.

 

Die zweite "Lücke": zum Zeitpunkt der Auslosung standen erst 20 der insgesamt 24 Teilnehmer fest, denn die Nations League-Playoffs werden erst Ende März 2020 ausgetragen. In vier Gruppen ist daher statt eines Teilnehmernamens nur ein Platzhalter zu finden. Logischerweise wird je ein Sieger eines Playoff-Weges je einen der freien Plätze einnehmen, doch die UEFA wäre nicht die UEFA wenn sie hier nicht auch noch eine Baggerschaufel Bürokratie drauf gepackt hätte. Während feststeht dass der Sieger des Playoff-Weges B in die Gruppe E zu Spanien, Schweden und Polen kommt und sich der Sieger des Weges C in die Gruppe D zu England, Kroatien und Tschechien gesellen wird, so weiß noch niemand wo die Sieger der Wege A und D landen werden. Denn in diesen Playoff-Wegen verbergen sich potenzielle Gastgeberländer, nämlich Ungarn und Rumänien. Wird Weg A von Island, Bulgarien oder Ungarn gewonnen, so landet der Sieger des Playoff-Weges A in der EM-Gruppe F (und trifft dort auf Portugal, Frankreich und Deutschland) und der Sieger des D-Weges geht in die Gruppe C (zu den Niederlanden, die Ukraine und Österreich). Gewinnt jedoch Rumänien den Playoff-Weg A, so werden die Rumänen der Gruppe C zugeordnet und der Sieger von Weg D geht in die Gruppe F. Auch hier wieder ein bürokratischer Irrsinn.

Kilometerfresser

Als wäre der ganze Quatsch nicht schon hirnerweichend genug ist da ja auch noch die Tatsache dass die EM 2020 nicht in einem einzigen Gastgeberland stattfindet, sondern über ganz Europa verteilt - plus Baku. Der Hauptstadt des autokratischen Regimes Aserbaidschan liegt zwar im Zuständigkeitsbereich der UEFA, gehört geografisch aber bereits zu Asien. In Zeiten einer zu Recht geführten Klima-Debatte ist es äußerst fragwürdig, ob die großen Reise- und Transportwege noch als akzeptabel bezeichnet werden können. Hier die Entfernungen zwischen den einzelnen Spielorten:

(in km, Luftlinie) Amste Baku Bilba Budap Bukar Dubli Glasg Kopen Londo Münch Rom St.-Pet
Amsterdam - 3.632 1.168 1.146 1.789 755 696 621 357 669 1.299 1.770
Baku 3.632 - 4.317 2.575 1.997 4.379 4.229 3.200 3.975 3.136 3.111 2.563
Bilbao 1.168 4.317 - 1.774 2.321 1.146 1.397 1.770 941 1.248 1.272 2.900
Budapest 1.146 2.575 1.774 - 644 1.894 1.829 1.013 1.450 562 809 1.565
Bukarest 1.789 1.997 2.321 644 - 2.538 2.466 1.575 2.092 1.188 1.137 1.748
Dublin 755 4.379 1.146 1.894 2.538 - 309 1.239 462 1.377 1.886 2.320
Glasgow 696 4.229 1.397 1.829 2.466 309 - 1.038 543 1.363 1.955 2.059
Kopenhagen 621 3.200 1.770 1.013 1.575 1.239 1.038 - 956 841 1.533 1.149
London 357 3.975 941 1.450 2.092 462 543 956 - 918 1.436 2.100
München 669 3.136 1.248 562 1.188 1.377 1.363 841 918 - 699 1.782
Rom 1.299 3.111 1.272 809 1.137 1.886 1.955 1.533 1.436 699 - 2.347
St.-Petersburg 1.770 2.563 2.900 1.565 1.748 2.320 2.059 1.149 2.100 1.782 2.347 -
Spielort

Durchschn. Entf.

zu allen Spielorten

größte Entfernung kleinste Entfernung
Amsterdam 1.264 km Baku (3.632 km) London (357 km)
Baku 3.374 km Dublin (4.379 km) Bukarest (1.997 km)
Bilbao 1.841 km Baku (4.317 km) London (941 km)
Budapest 1.387 km Baku (2.575 km) München (562 km)
Bukarest 1.772 km Dublin (2.538 km) Budapest (644 km)
Dublin 1.664 km Baku (4.379 km) Glasgow (309 km)
Glasgow 1.626 km Baku (4.229 km) Dublin (309 km)
Kopenhagen 1.358 km Baku (3.200 km) Amsterdam (621 km)
London 1.385 km Baku (3.975 km) Amsterdam (357 km)
München 1.253 km Baku (3.136 km) Budapest (562 km)
Rom 1.589 km Baku (3.111 km) München (699 km)
Sankt-Petersburg 2.028 km Bilbao (2.900 km) Kopenhagen (1.149 km)

Diese Europameisterschaft ist also nicht nur ein Turnier der Bürokraten, es ist auch noch eine Ohrfeige für alle Klimaschützer. Vielleicht sollte sich die UEFA mal fragen wieviel ihres Profits noch übrig bleiben würde, wenn man sie dazu verpflichten würde für den CO2-Ausstoß zu bezahlen der alleine durch die weiten Transport- und Reisewege verursacht wird. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) verursacht jede Tonne CO2 in der Folge Kosten von 640 Euro [Quelle]. Ich hoffe, nach der EM schreibt jemand der UEFA eine Rechnung.

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