Der Asteroid, ihr freundlicher Felsklumpen aus der Nachbarschaft

Asteroiden haben einen schlechten Ruf. Sie sind bekannt als Dinosaurier-Killer und stehen sinnbildlich für die Apokalypse. Dabei haben Asteroiden mehr zu bieten: faszinierende Einblicke in die Vergangenheit, Botschaften aus Regionen die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und vielleicht verdanken wir ihnen sogar unser Leben.

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Der 516 km große Asteroid "Vesta". [Bildquelle: NASA]
Der 516 km große Asteroid "Vesta". [Bildquelle: NASA]

Anlässlich des (aus astronomischer Hinsicht wenig spektakulären) Besuchs des Asteroiden "2002 AJ129" und das dadurch entstandene Medienecho halte ich es für angebracht ein paar Grundsätzliche Dinge über Asteroiden zu erzählen. Denn ihre Darstellung in Medien oder Filmen zeichnet meistens ein verzerrtes und falsches Bild. Sie sind Planetenkiller oder Slalom-Parkour für Raumschiffe, der reißerischen Fantasien sind kaum Grenzen gesetzt. Dabei ignoriert diese negative Image-Kampagne völlig dass Asteroiden zu den faszinierendsten Objekten gehören die wir Menschen mit unseren begrenzten Fähigkeiten im Weltall beobachten können. Sie sind Botschafter aus Regionen die noch nie ein menschliches Auge erblickt hat. Und zugleich sind sie Milliarden Jahre alte Zeitkapseln, felsige Archive aus den Kindertagen unseres Sonnensystems. Asteroiden sind unglaublich vielfältig, kaum einer gleicht dem anderen. Von der Winzigkeit eines Sandkorns bis zur Größe ganzer Länder ist alles dabei. Massiv wie Granitblöcke oder locker wie eine Handvoll Zigarettenasche, strahlend weiß oder pechschwarz, schneller als eine Gewehrkugel oder träge und langsam wie eine Kfz-Zulassungsstelle. Asteroiden bieten mehr Diversität als man sich vorstellen kann – und vielleicht verdanken wir ihnen sogar unser aller Leben.

Wo kommen Asteroiden her?

Schematische Darstellung des Asteroidengürtels zwischen Mars und Jupiter. Der echte ist etwas größer und würde nicht aufs Bild passen.
Schematische Darstellung des Asteroidengürtels zwischen Mars und Jupiter. Der echte ist etwas größer und würde nicht aufs Bild passen.

Mit Stand vom 6. Februar 2018 sind der Wissenschaft derzeit exakt 755.031 Asteroiden in unserem Sonnensystem bekannt. Klingt nach viel, ist aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur ein kleiner Bruchteil dessen was tatsächlich da draußen durch die Gegend fliegt. Theoretisch können sie überall in unserem Sonnensystem auf einen Asteroiden treffen, doch es gibt Regionen in denen die Konzentration besonders hoch ist.

Spitzenreiter in Sachen Asteroiden-Sammelplätze ist jener Asteroidengürtel der sich zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter rund um die Sonne zieht. Hier finden sich die absolute Mehrheit der Asteroiden. Jedoch darf man sich so einen Asteroidengürtel keinesfalls so vorstellen wie er in Science Fiction-Filmen gerne dargestellt wird, in denen waghalsige Piloten ihre Raumschiffe in halsbrecherischen Manövern durch einen dichten Wald umherwirbelnder Gesteinsbrocken steuern. Die Abstände zwischen den einzelnen Asteroiden sind gewaltig, oft mehrere Millionen Kilometer. Man könnte ein Raumschiff bequem durch den Gürtel hindurchsteuern und dabei noch weniger Asteroiden zu Gesicht bekommen als Mitarbeiter in einem Baumarkt. Auch sind die Asteroiden im Gürtel nicht gleichmäßig verteilt: bedingt durch die Gravitationskräfte der Planeten (vor allem von Jupiter) ist die Konzentration an machen Stellen dichter und woanders dünner.

Ein weiterer Hotspot ist der sogenannte Kuipergürtel, benannt nach dem amerikanisch-niederländischen Astronomen Gerard Peter Kuiper. Der Kuipergürtel erstreckt sich außerhalb der Umlaufbahn des Planeten Neptun, ist also so weit draußen dass es dort wohl noch bezahlbare Mietpreise geben dürfte – vor allem weil die Versorgung mit Licht und Wärme in dieser Gegend echt miserabel ist. Der Anwohner der Kuipergürtels gehören zur Gruppe der "Transneptunischen Objekte", was nicht anderes bedeutet als dass alles was dazu gehört weiter von der Sonne entfernt ist als Neptun – das sind ungefähr viereinhalb Milliarden Kilometer, also etwa 30-mal die Entfernung zwischen Erde und Sonne. Bekanntestes und zugleich auch größtes Mitglied der transneptunischen Objekte ist der Zwergplanet Pluto mit einem Durchmesser von 2.374 Kilometern (zum Vergleich: der Erdmond ist 3.476 Kilometer groß).

Tja, und dann gibt es da noch die "Oortsche Wolke". Das heißt, man weiß noch nicht ganz sicher ob es sie gibt, bisher existiert sie nur als Hypothese. Wenn es sie gibt ist sie so weit weg dass man den Kuipergürtel dagegen noch als "zentrale Lage" verkaufen könnte. Sie soll das gesamte Sonnensystem wie eine gigantische Hohlkugel umschließen und dabei einen Abstand zur Sonne von rund 1,6 Lichtjahren haben. Soll ich ihnen sagen wie viel das in Kilometern wäre? Ich sag's ihnen, die Zahl wäre so absurd groß dass sie ihnen absolut nichts sagen würde. Na gut, sie wollten es so: das sind 15.137.168.756.129 Kilometer. 15 Billionen Kilometer! Haben sie 15 Billionen von egal was? Gefühlte Überstunden oder Werbeunterbrechungen im Fernsehen vielleicht, aber sonst? Nein, so eine Zahl ist zu unfassbar für unseren Geist, weil es in unserem Alltag absolut nichts gibt was so groß oder so zahlreich ist. Und in der Größenordnung geht es auch noch weiter, denn die Theorie besagt dass sich in der Oortschen Wolke zwischen einigen hundert Milliarden und einer Billion Objekte befinden. Die Existenz der Oortschen Wolke ist noch nicht völlig zweifelsfrei bewiesen, gilt aber aufgrund zahlreicher indirekter Anzeichen als ziemlich sicher.

In der Regel bleiben Asteroiden wo sie sind, es sei denn bekommen eine Reiseempfehlung in Form einer gravimetrischen Einwirkung. Anders ausgedrückt: irgendein besonderer Schwerkrafteinfluss muss wirksam werden um einen Asteroiden von seiner alteingesessenen Bahn abzulenken. Dann werden sie wanderlustig und statten gelegentlich auch der Erde mal einen Besuch ab.

Was für Asteroiden gibt es?

Dass es äußerst viele verschiedene Erscheinungsformen von Asteroiden gibt wurde weiter oben bereits angedeutet. Sie unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht: Größe, Form, Umlaufbahn, Oberflächenbeschaffenheit, Zusammensetzung und/oder Dichte.
Größe: Die kleinsten Brocken passen in ihre Hosentasche. Die Größten nicht, es sei denn ihre Hosentasche ist mehrere hundert Kilometer groß.

Form: Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, alle Formen sind möglich. Es wurden schon Asteroiden in Form einer Zigarre oder einer Erdnuss gefunden. Sobald eine gewisse Masse erreicht wird beginnt die Gravitation jedoch das Objekt in eine Kugelform zu pressen. Bedenken sie das vor ihrem nächsten TripleWopper mit Speck und extra Käse.

Umlaufbahn: Viele Asteroidengruppen definieren sich darüber wo ihre Umlaufbahn verläuft. Von besonderem Interesse sind dabei die "Erdbahnkreuzer". Einer davon hat den Dinosauriern vor rund 66 Millionen Jahren gehörig den Tag versaut. Und eines fernen Tages wird ein anderer davon alle Casting-Shows der Welt für immer zum schweigen bringen.

Oberflächenbeschaffenheit: Astronomen mögen Oberflächen mit einer möglichst großen Albedo. Die Albedo gibt an wie viel Licht die Oberfläche reflektiert. Frischer Schnee hat eine Albedo von 0,85, Asphalt kommt mit einem Wert von 0,15 um die Ecke. Je höher der Albedo-Wert eines Asteroiden ist desto besser sind die Chancen ihn zu entdecken.

Zusammensetzung: Durch spektroskopische Untersuchungen konnte festgestellt werden dass Asteroiden die unterschiedlichsten chemischen Zusammensetzungen aufweisen können. Die meisten, rund 75%, gehören zur "Klasse C" und enthalten viel Kohlenstoff. Am zweithäufigsten ist die "S-Klasse", diese sind reich an Silikaten. Darüber hinaus sind Metalle nicht selten, wie beispielsweise Eisen und Nickel, sogar Gold ist möglich. Prinzipiell kann man in einem Asteroiden so ziemlich alle Elemente des Periodensystems finden.

Dichte: Früher ging man davon aus dass alle Asteroiden kompakte Monolithen sind, doch mittlerweile weiß man der Großteil aller über 200 Meter großen Asteroiden zur Gruppe der "Rubble Piles" gehören: lose Schutt- und Geröllhaufen die nur durch die Gravitation zusammengehalten werden.

Tja, und dann gibt es da noch eine ganz bestimmte Gruppe an Asteroiden mit zerklüfteten Oberflächen, tiefen Schluchten, messerscharfen Kanten, zu ungünstigen Zeitpunkten auftretenden Beben und einer einzigen obligatorischen Stelle die flach genug ist um als Landeplatz geeignet zu sein. Diese Asteroiden haben einen Exklusivvertrag mit Hollywood und treten nur dort auf.

Wie gefährlich sind Asteroiden?

Die aktuell bekannten Asteroiden sind für die Erde in den nächsten 200 Jahren ungefährlich. Alle. Das gilt auch "Apophis", von dem vor allem diverse Vollpfostenjournalismus-Vertreter immer wieder reißerische Horrorstories verbreiten.

Das Problem sind die Asteroiden die wir noch nicht kennen. Rein theoretisch könnte so ein Ding bereits in fünf Minuten durch die Erdatmosphäre fetzen ohne dass wir jetzt auch nur den Hauch eines Schimmers von seiner Existenz hätten. Doch selbst das muss nicht zwangsläufig eine Katastrophe bedeuten, denn die Erde wird täglich von bis zu 5.000 Tonnen kosmischen Staub und Steinchen getroffen. Diese Bröckchen verglühen jedoch fast immer vollständig in der Atmosphäre, weniger als 1% davon erreicht die Erdoberfläche. Die Dinger welche uns wirklich ernsthaft Schwierigkeiten bereiten können sind jedoch deutlich größer, was die Chance sie frühzeitig zu entdecken erhöht. Doch selbst im günstigsten Fall beträgt die Vorwarnzeit vor einem verheerenden Einschlag nur zwei Jahre, was verdammt wenig Zeit ist um auf eine globale Bedrohung von dieser Größenordnung angemessen zu reagieren.

Was also tun wenn wir merken dass wir im Zentrum der Zielscheibe sitzen? Hollywood reagiert auf das Szenario recht amerikanisch und ballert erstmal drauf los. Doch den Asteroiden zu sprengen (was höchstwahrscheinlich nicht gelingen wird) wäre so ziemlich die dümmste Idee die man haben kann, denn so verwandelt man ein gefährliches Geschoss in viele. Eine andere Möglichkeit wäre die "Traktor-Methode", bei der man ein Raumschiff nahe an den Asteroiden heransteuert und versucht ihn mithilfe der Gravitation aus seiner Bahn abzulenken. Dazu braucht man, neben einer langen Vorlaufzeit, auch geeignetes Equipment, also ein massereiches startbereites Raumschiff mit leistungsstarken Antrieb. Derzeit steht kein derartiges Raumfahrzeug zur Verfügung, sodass die Erde einem gefährlichen Asteroiden zur Zeit schutzlos ausgeliefert wäre.

Wie finde ich Asteroiden?

Das ist schwierig, denn die Dinger sind in dieser Beziehung furchbar unpraktisch. Zunächst einmal erzeugen sie selbst kein Licht, sie sind also nur dann für uns zu sehen wenn sie von einer Lichtquelle (also der Sonne) angestrahlt werden. Allerdings auch nur dann wenn der Albedo-Wert ihrer Oberfläche hoch genug ist. Es gibt manche Brocken die derart tiefschwarz daherkommen dass sie wohl der Star auf jeder Gothic-Party wären. Doch selbst wenn sie sich nicht hinter tiefer Schwärze verstecken braucht es noch ein wichtiges Kriterium: der Asteroid muss sich auf der Nachtseite der Erde aufhalten, denn tagsüber wird wirklich alles von der Sonne überstrahlt. Selbst wenn ein Asteroid so groß wäre wie ganz Berlin, nähert er sich aus Richtung der Sonne würden wir ihn nicht kommen sehen.

Asteroiden als Träger des Lebens

Es gibt Theorien wonach Asteroiden vor vielen Milliarden Jahren nicht nur alles Wasser, was es heute auf der Erde gibt, zu uns gebracht haben, sondern auch die ersten Bausteine des Lebens: einzelne Moleküle, die in der weiteren Folge in Dieter Bohlen oder Lena Gercke gipfelten. Unfassbar, ich weiß. Bislang ist das, wie gesagt, auch nur eine Theorie, ein über alle Zweifel erhabener Beweis steht noch aus. Aber ich finde den Gedanken schon faszinierend dass einst vor unfassbar langer Zeit das eine oder andere Molekül meines Körpers in einem Asteroiden auf die Erde gerummst ist - und ob es vielleicht gelegentlich Heimweh hat.

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