Von Asteroiden und Klickschlampen

Mal wieder fliegt ein Asteroid relativ nah an der Erde vorbei. Und mal wieder dreht der Vollpfostenjournalismus komplett durch und will uns den Weltuntergang anschwatzen. Zeit für etwas Aufklärung.


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Es ist mal wieder soweit: ein Asteroid nährt sich unserem Heimatplaneten. Bei dieser Nachricht haben wir alle im Hinterkopf: so ein Ding hat vor 66 Millionen Jahren die Dinosaurier aussterben lassen! Und da der Mensch geil auf Sensationsnachrichten ist drehen die Klickschlampen in den Schreibstuben des Vollpfostenjournalismus bei jeder dieser Gelegenheiten komplett frei und hauen möglichst reißerische Schlagzeilen in die Tasten. Dass das mit der Realität kaum etwas zu tun hat, dass sie mit ihrer künstlichen Panikmache sogar großen Schaden anrichten, interessiert dabei nur selten oder meist gar nicht. "Killer-Asteroid schrammt an Erde vorbei" klingt halt geiler als "Harmloser Gesteinsbrocken zieht langweilig seine Bahn" und bringt mehr Klicks und somit mehr Werbeeinnahmen. Leider fallen auch viele Menschen auf diese Masche herein die für so einen Quatsch eigentlich zu intelligent sind, traurig oft macht sich zumindest eine gewisse Verunsicherung breit.

Faktencheck: was ist los mit "2002 AJ129" und wie gefährlich ist er?

Dieses Mal geht es um den Asteroiden "(276033) 2002 AJ129". Laut aktuellsten Schätzungen hat er eine Größe von 400 bis 1.200 Metern und ist mit einer Geschwindigkeit von 24 bis 51 Kilometern pro Sekunde (also rund 86.400 bis 183.600 km/h) unterwegs. Erstmals entdeckt wurde er am 15. Januar 2002 im Haleakala-Observatorium auf der Hawaii-Insel Maui. Messungen seiner Umlaufbahn ergaben dass er für eine Sonnenumrundung 586 Tage und sechs Stunden benötigt, also etwas mehr als anderthalb Jahre. Bei diesem Messungen wurde auch schnell klar dass von diesem Himmelskörper, zumindest in den nächsten Jahrhunderten, keine Gefahr ausgeht. An erdnahsten Punkt seiner Umlaufbahn, den er am 4. Februar 2018 um 22:31 Uhr deutscher Zeit erreichen wird, ist "2002 AJ129" immer noch ganze 4.207.600 Kilometer von der Erde entfernt, was etwa der 10,9-fachen Distanz zwischen Erde und Mond entspricht. Von "knapp" oder "haarscharf" kann also wirklich keine Rede sein - und von "gefährlich" erst recht nicht. Im Jahr 2011 wurde seine Bahn für die kommenden 200 Jahre im voraus berechnet mit dem Ergebnis dass er erst am 8. Februar 2172 der Erde wirklich nah kommen wird - doch selbst dann sind es immer noch mehr als 685.000 Kilometer, also ungefähr die anderthalbfache Mondentfernung.

Gibt es andere gefährliche Asteroiden?

Es mag vielleicht erschrecken, aber die Antwort auf diese Frage lautet ganz eindeutig: ja. Asteroiden-Einschläge mit verheerenden Auswirkungen im interkontinentalen Maßstab gab es auf der Erde schon unzählige und es ist nur eine Frage der Zeit bis es uns wieder trifft. Doch bevor sie sich jetzt in ihrem Atomschutzbunker zurückziehen (der ihnen in diesem Fall auch nichts nützen würde) und ihr bisherigen Leben über Tage aufgeben: es gibt trotzdem keinen Grund zur Panik. Denn derart katastrophale Einschläge ereignen sich zum Glück nur extrem selten. Im Durchschnitt musste unser Planet in seiner Geschichte bisher etwa alle 50 bis 100 Millionen Jahre einen solch schweren Schlag einstecken. Die Tatsache dass es nicht viel öfter zu solchen Katastrophen kam haben wir unter anderem unserem kosmischen Bodyguard zu verdanken: dem Jupiter. Der fünfte Planet mit dem großen "roten Fleck" ist der Fettwanst in unserem Sonnensystem, er allein hat mehr Masse als alle anderen Planeten und Monde unseres Sonnensystems zusammen. Dadurch entfaltet Jupiter ungeheure Gravitationskräfte, diese fangen viele gefährliche kosmische Geschosse ab bevor sie ins innere Sonnensystem und damit zur Erde vordringen können. Denken sie also das nächste Mal daran bevor sie sich über einen übergewichtigen Menschen lustig machen: vielleicht rettet er mal ihr Leben.

Was ist mit "Apophis"?

"(99942) Apophis", auch unter der Bezeichnung "2004 MN4" bekannt, hat der Wissenschaft nach seiner Entdeckung am 19. Juni 2004 einen ziemlich flauen Magen beschert, denn er galt kurze Zeit als möglicher Einschlagskandidat mit einer Impakt-Wahrscheinlichkeit von 2,7% für den 13. April 2029. Dies bescherte dem rund 325 Meter großen Gesteinsbrocken ein enormes Medienecho, beispielsweise in Form eines Dokumentarfilms der bis heute noch in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen im zum Axel-Springer-Imperium gehörenden TV-Sender "Welt" (hieß bis vor kurzem noch N24) gezeigt wird. Das Problem daran: die in diesem Film enthaltenen Informationen sind schon lange nicht mehr aktuell. Bereits vor Jahren konnte die Bahn von "Apophis" mittels Radioteleskop-Messungen viel präziser vermessen werden. Das Ergebnis: ein Einschlag auf der Erde kann für die nächsten 200 Jahre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. In Zahlen wird das Impakt-Risiko mit eins zu 250.000 beziffert (Stufe null auf der "Palermo-Skala"), oder anders ausgedrückt: ein Einschlag von "Apophis" auf der Erde in den nächsten 200 Jahren ist nicht wahrscheinlicher als der jedes anderen x-beliebigen Himmelskörpers. Trotz seines dramatischen Namens ("Apophis" wurde benannt nach dem gleichnamigen ägyptischen Gott sowie nach dem Bösewicht in der Serie "Stargate") stellt er für die Menschheit in absehbarer Zeit also absolut keine Gefahr dar.

Sind wir also völlig sicher?

Die Wissenschaft ist sich einig: von allen Objekten im All die derzeit bekannt sind geht für die Erde in den nächsten 200 Jahren absolut keine Gefahr aus. Problematisch sind hingegen die Objekte welche derzeit noch unbekannt sind, und davon gibt es vermutlich Millionen. Asteroiden zu entdecken ist leider keine leichte Sache, denn sie haben die unpraktische Eigenschaft dass sie meistens recht klein sind und zudem selbst kein Licht ausstrahlen. Für uns auf der Erde sind sie also nur sichtbar wenn sie gerade selbst von der Sonne angestrahlt werden, ihre Oberfläche so beschaffen ist dass sie genügend Licht reflektiert und wenn wir nachts in den Himmel schauen - tagsüber wird leider alles von der Sonne überstrahlt. Würde ein neuer Asteroid auf Kollisionskurs auftauchen läge die Vorwarnzeit im allergünstigsten Fall bei ungefähr zwei Jahren, was eine verdammt kurze Zeit ist um auf eine Bedrohung dieser Größenordnung angemessen zu reagieren. Im ungünstigsten Fall kann es sogar passieren dass wir das kosmische Geschoss erst Minuten vor seinem Eintritt in die Erdatmosphäre entdecken, in dem Fall ist jeder Versuch einer Abwehr überflüssig.

Aufklärung vs. Panikmache

Ich halte es für richtig und wichtig über Asteroiden und ihre mögliche Gefahren aufzuklären. Sie als Panikmache, Klickschlampentum und Clickbait zu missbrauchen empfinde ich hingegen als widerlich und verwerflich. Jeder Redakteur, der sich an sowas beteiligt, sollte sich mal fragen mit welchem Recht er sich noch erdreistet sich "Journalist" zu nennen. Sicher, das Bild eines verheerenden Asteroiden-Einschlags lässt Klick- und Einschaltquoten unzweifelhaft in die Höhe schnellen, doch wenn man es mit Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht so genau nimmt gehört man im Fall einer solchen Katastrophe in der Regel zu den ersten die draufgehen.

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